DIE LINKE. 


Uwe Timm - Der Freund und der Fremde

Eine Beschreibung des berühmten Fotos steht auch am Beginn von Uwe Timms 68er-Roman Heißer Sommer: Benno Ohnesorg liegt auf dem Boden, eine schöne junge Frau, ihre Hand unter seinem blutenden Kopf, blickt ratlos in die Kamera. Schon gleich damals, bekennt Uwe Timm, wollte er über den Schulfreund, dessen skandalöser Tod zum Fanal der Studentenbewegung wurde, unbedingt schreiben. Aber es gelang nicht, auch ein zweiter Versuch Jahre später scheiterte. "Es blieb aber der Vorsatz, mehr noch, die Verpflichtung über ihn zu schreiben. Ein Erzählen, das nur gelingen konnte -- und diese Einsicht musste erst wachsen --, wenn ich auch über mich erzählte". Über 40 Jahre nachdem sich Timm und Ohnesorg in einem Braunschweiger Kolleg, auf dem man das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen konnte, kennen lernten, gelang es: ein wunderbares Buch über eine kurze, intensive Freundschaft. Und wie in Am Beispiel meines Bruders nimmt Timm tatsächlich diesen Umweg über das eigene Ich. Mehr noch als über Benno Ohnesorg und die Freundschaft zu ihm erfahren wir über den jungen Uwe Timm, der nach dem frühen Tod des Vaters mit 18 dessen Kürschnerbetrieb übernehmen muss, aber eigentlich und unbedingt Schriftsteller werden will.

Keine chronologische Erzählung, sondern ein Erinnerungsmosaik, Bilder und Fragmente, Anekdoten, geschickt komponiert, die ein lebendiges Bild ergeben vom Jungsein in den 60ern, dem Hunger nach Bildung, dem jugendlich-idealistischen Streben nach Kunst, Literatur, Philosophie, erste eigene Texte und Gedichte, die man sich gegenseitig vorliest: "Einmal, im Sommer des zweiten Jahres, als wir an der Oker saßen, in der Stille eines sich langsam auftürmenden, durch keinen Windstoß sich ankündigenden Gewitters, und uns über Gefühl und Sprache unterhielten, über uns, in dem eben noch blauen Himmel, grauschwarz das tiefhängende Gewölk, las er mir, was er sonst nie tat, ein nicht fertiges Gedicht vor. Noch fehlte die letzte Strophe. […] Als er geendigt hatte, sagte keiner von uns ein Wort, und wir sahen den Regen näher kommen, eine dicht fallende gesträhnte graublaue Front, in der die Blitze niederfuhren, und der Donner rollte über die Wiesen und Felder heran, mit einer Wucht, die sich auf die Brust legte, einen Moment gelähmt, nicht vor Schreck, sondern innig beglückt standen wir und wurden in diese Flut eingetaucht."

Da ist viel Poesie in Timms Worten, ein bisschen Wehmut, aber auch Erinnerungsfreude an den Gefühlsüberschwang der jungen Jahre. Und auch wo Timm für das Buch wie ein Journalist recherchiert -- er spricht mit Freunden und Verwandten Ohnesorgs, findet sogar die fremde Frau von dem Foto --, bleibt er ganz Dichter, wird nie zum sachlichen Chronisten. Einerseits also die unvermeidliche Distanz der verstrichenen Jahrzehnte, andererseits dieser persönliche Ton -- diese Mischung macht das Buch zu einem der berührendsten und eindrucksvollsten Werke Uwe Timms -- das zudem beweist: In der Literatur ist später manchmal besser. --Christian Stahl


Kurzbeschreibung

Er liegt am Boden, eine junge Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden, ein schmaler, junger Mann, den Blick zur Seite gerichtet. Das Bild wird zur Ikone, es wird Hunderttausende auf die Straße treiben, aber wer ist dieser junge Mann, wer hätte er sein können? Benno Ohnesorg, geboren 1940 und am 2. Juni 1967 auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossen, war der Freund und Gefährte Uwe Timms, als beide Anfang der sechziger Jahre am Braunschweig-Kolleg das Abitur nachholten. Ein eigenwilliger, zurückhaltender, auf eine stille Art entschlossener junger Mann, der malt und die Werke der französischen Moderne liest, selbst Gedichte schreibt und zum ersten Leser Uwe Timms wird. Mit ihm zusammen entdeckt Timm Apollinaire und Beckett, Camus und Ionesco, entdeckt auch, dass das Schreiben nicht nur ein einsamer Akt ist, dass man über Texte sprechen, sie verändern, sie verbessern kann, dass Nähe und radikaler Eigensinn gleichzeitig möglich sind. Nach den »Römischen Aufzeichnungen« und »Am Beispiel meines Bruders« schreibt Uwe Timm in seinem dritten autobiographischen Buch wiederum ein Requiem, das mit poetischer Intensität nicht nur die Geschichte einer großen, gewaltsam beendeten Freundschaft, sondern auch die seiner ersten Lieben und des Aufbruchs eines Schriftstellers erzählt. »Der Freund und der Fremde« erzählt auch, wie eine Generation aus dem Existentialismus zur politischen Rebellion kommt und wie auf geheimnisvolle Weise jenseits der Generationserfahrung Freundschaften und Liebesbeziehungen ein Netz der Korrespondenzen schaffen, das man erst spät als sein eigenes Lebensmuster erkennt.

Quelle: http://www.linksfraktion-rd-eck.de/angebote/literaturtipps/uwe_timm_der_freund_und_der_fremde/