DIE LINKE.

Gregor Gysi, der scharfzüngige Redner und wortgewaltige Anwalt ostdeutscher Interessen, ist der bekannteste Politiker aus den neuen Bundesländern. Die fleischgewordene PDS sozusagen, und als solcher seit langen Jahren ein rotes Tuch für die etablierten Westparteien.
Im Oktober 2000 legte Gysi völlig überraschend den Vorsitz der PDS-Fraktion nieder und erklärte öffentlich, 2002 nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen. Über seine Motive wurde damals viel spekuliert und so nutzt er die Gelegenheit, um einige Missverständnisse klarzustellen. Er wollte "einen Zeitpunkt für das Ende einer Funktion wählen, zu dem klar war, dass er noch einmal die Zustimmung erhalten würde, sie fortzuführen", rechtfertigt Gysi seine Entscheidung. Zudem möchte er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Letzteres ist zwar das Standardargument in solchen Fällen, klingt bei Gysi aber durchaus glaubwürdig.
Doch zunächst einmal nimmt Gysi seinen Ausstieg aus der Politik zum Anlass, ausführlich Bilanz zu ziehen. Er schreibt über die deutsche Einheit, seine Arbeit im Bundestag und die Verleumdungskampagne gegen ihn, über die PDS, über Helmut Kohl und Gerhard Schröder, den Kosovo-Krieg und die soziale Gerechtigkeit -- eben über alles, was ihn in den letzten zehn Jahren bewegt hat. Und auch wenn viel Persönliches in diese Bilanz miteingeflossen ist, so hat Gysi doch keine Memoiren vorgelegt, wie zunächst angekündigt, sondern eine sehr persönliche Analyse des deutschen Einigungsprozesses und der gesellschaftlichen Realitäten der Berliner Republik.
Ein langer Blick zurück also, und ein erstaunlich politisches Buch für einen so genannten Politik-Aussteiger. Worin allerdings der im Titel erwähnte "Schritt nach vorn" konkret bestehen soll erfährt man nicht. In diesem Punkt hält sich Gysi auffallend bedeckt. Und so darf auch weiterhin über den "neuen beruflichen Lebensabschnitt" spekuliert werden, den er "vor Erreichen des Rentenalters" beginnen möchte. --Stephan Fingerle
Wie äußert sich ein Mann, der zehn Jahre lang als Vorsitzender der PDS-Fraktion und Mitglied des Deutschen Bundestages so manchem unbequem geworden ist, jetzt, nachdem er nicht wieder für diesen Vorsitz kandidiert hat? Er blickt zurück, manchmal im Zorn, manchmal mit leiser Bitterkeit, oft mit Humor und der ihn typischen Ironie, immer konzentriert auf die Entwicklungen in der deutschen Innen- und Außenpolitik, auf das was aus seiner Sicht falsch gelaufen ist. Und er hat viel zu erzählen: von zehn Jahren leidenschaftlicher linker Opposition, in denen er als unerwünschter Außenseitereine unerwünschte Außenseiterpartei zu einer Position führte, die heute als politischer Faktor in Deutschland nicht wegzudenken ist.
"Mein Weg hin zum und im vereinigten Deutschland", schreibt er, "war nicht nur in dem Sinne einmalig, wie jedes Leben einmalig ist, sondern meine Situation spiegelt in besonderer Weise die Kompliziertheit des Vereinigungsprozesses wider. Über viele Jahre haben sich an mir die Geister geschieden, und ich will versuchen, die Frage zu beantworten, weshalb das eigentlich so war und zum Teil auch noch so ist. In dieser Hinsicht ist es ein höchst persönliches Buch." Und so schildert Gysi ein Politikerleben zwischen allen Stühlen, in dem er und seine Mitstreiter eloquent dafür eintraten, dass sich in Deutschland eine demokratische Kultur links von der SPD etabliert, eine Selbstverständlichkeit in den anderen europäischen Ländern. Er erzählt von den antikommunistischen Kampagnen, gegen die er sich durchsetzen musste, genauso wie von den zunehmenden Querelen innerhalb der eigenen Partei, der Auseinandersetzung mit der alten Garde und den jungen Dogmatikern. Er berichtet über seine Gespräche unter vier Augen mit Politikern wie Helmut Kohl, Oskar Lafontaine oder Wolfgang Schäuble, aber auch über seinen umstrittenen Besuch bei Milosevic und in Albanien. Und er nennt im ersten Kapitel des Buches die Gründe für seine Entscheidung, sich nicht erneut zur Wahl stellen, Gründe die vielfältig sind, von denen aber doch das Gefühl, zerrieben zu werden, und die Neugier auf einen neuen Abschnitt seines Werdegangs eine wichtige Rolle spielen.